Ich bin es wieder einmal, Babsi Schwalsberger (babsinchen@yahoo.de. Ich freue mich immer über Rückmeldungen, Fragen, Neuigkeiten aus der Heimat… einfach schreiben!).
Seit meinem letzten Bericht hat sich einiges getan hier bei uns in Addis Abeba. Meine Gummistiefel sehen immer seltener schlammige und überflutete Straßen, die Regenzeit neigt sich langsam dem Ende zu. Das bedeutet: wärmere Tage und kältere Nächte, also einerseits kurze T-Shirts und massenweise Sonnencreme, andererseits aber auch dicke Decken und Wärmflaschen. Einmal habe ich mir bereits einen ziemlich schlimmen Sonnenbrand eingefangen, ich bin drei Tage tomatenrot herumgelaufen. Meine Kids waren aber hellauf begeistert, dass Pepsi ihre Hautfarbe einfach so wechseln kann…
Mittlerweile haben wir unser Viertel Mekanissa bereits zu Fuß erkundet, typische Märkte besucht, diverse Internecafès ausprobiert (und sogar eines gefunden, in dem Facebook funktioniert - auch wenn die Verbindung extrem langsam ist) und sind Stammkunden bei verschieden Ständen mit Obst, Gemüse, Brot und Erdnussbutter geworden. Kein Frühstück ohne Erdnussbutter und schwarzem äthiopischen Cafè, diese beiden Dinge sind für mich mittlerweile Grundnahrungsmittel geworden.
Grundsätzlich finde ich die afrikanische Küche sehr lecker, wenn auch nicht sehr geeignet für Vegetarier wie mich. Fleisch ist ein Zeichen von Reichtum, wer es sich leisten kann, isst Fleisch. Mittwoch und Freitag sind religiös vorgeschriebene Fastentage (das heißt, kein Fleisch, juchuuu!) und ich fiebere ihnen immer mit großer Erwartung entgegen. Dafür gibt es jeden Tag frisches Obst direkt aus der Umgebung: Ananas, Avocados, Mangos, Papayas, Bananen, Guaven, Orangen... Ich verdrücke alles kiloweise! Gegessen wird hier in Äthiopien übrigens mit den Fingern. Injera, das typische Fladenbrot, wird in Stücke gerissen, diese tunkt man dann in die Saucen oder benutzt sie als Art „Schaufeln“ (im übertragenen Sinne natürlich) um das Essen vom Teller in den Mund zu bekommen. Ich bin mir sicher, dass ich nach meinem Jahr hier in Afrika zu Hause erst wieder lernen muss, wie man Besteck richtig hält und benutzt.
Auch der österreichischen Botschaft haben wir bereits zwei Mal einen Besuch abgestattet. Ich hätte nie geglaubt, dass ich mich jemals in meinem Leben so über eine Botschafterin mit oberösterreichischem Dialekt freuen würde! Anita, die zweite Freiwillige aus Österreich, mit der ich Zimmer, Wohnung, Freud und Leid teile, ist aus Niederösterreich und manchmal führen unsere unterschiedlichen Dialekte zu ziemlichen Verständigungsproblemen. Deshalb haben wir beschlossen - sollten wir einmal Zeit dazu finden - ein Wörterbuch mit Niederösterreichisch – Oberösterreichisch und umgekehrt zu schreiben.
Bleiben wir gleich bei Österreich: Sachertorte, Polka, Walzer, Mozartkugeln, deutsche Lieder – inzwischen geht es bei uns im Projekt ziemlich österreichisch zu, wobei ich die Sachertorte eher als „Versuch, etwas Sachertortenähnliches zu kreieren“ beschreiben würde. Oder hat man jemals schon Sachertorte aus Nussschokolade, Schokopuddingpulver und Ananasmarmelade gesehen? Im Geiste sehe ich gerade meine ehemaligen Kochlehrerinnen entsetzt ihre Köpfe schütteln. Ich bitte an dieser Stelle Prof. Schaufler, Prof. Deglmann und Prof. Steinbach vielmals um Entschuldigung – aber Not macht nun mal erfinderisch.
Die Mozartkugeln sind binnen Minuten von unseren Projektleitern verzehrt worden, mittlerweile wurde bereits Nachschub aus der Heimat geordert. Die kleinen Kids lieben es, Polka zu tanzen, oft sieht man sie paarweise durch die Gegend hüpfen und auf ihre Oberschenkel klopfen; die etwas älteren Burschen sind mittlerweile ganz passabel im Rechtswalzer, wobei sie unsere Art, zu tanzen, ziemlich komisch finden. Die traditionellen äthiopischen Tänze sind Schulter- und Arm-betont, die Hüften oder die Beine werden eher selten bewegt, doch genau das macht unsere klassischen Tänze eben aus. Wenn ich hingegen versuche, äthiopisch zu tanzen, endet das innerhalb weniger Sekunden in einem Lachkonzert meiner Kinder, irgendwie will das noch nicht so ganz klappen mit meiner Körperkoordination…
Vor zwei Wochen hat in Äthiopien das Schuljahr wieder begonnen, nun halten sich während der Woche 1500 SchülerInnen in unserem Projekt auf, alle natürlich in Schuluniform, denn die ist in jeder Schule in Äthiopien – egal, ob governmental oder private school – Pflicht. Ich unterrichte den 3rd Grade in der Vorschule, denn die Kinder müssen bereits lesen, schreiben und Englisch sprechen können, um in der Grundschule aufgenommen zu werden.
Die Vorschule in unserem Projekt umfasst etwa 150 Kinder, alle aus dem Armenviertel. Als die Kids erfahren haben, dass ich ihre neue „astamari“ (Lehrerin) werde, na, da ist vielleicht ein Jubelgeschrei ausgebrochen! Zwei Stunden später sind sie noch zu mir hergelaufen und haben mir mit strahlenden Augen erzählt, dass sie es kaum erwarten können, endlich Englisch zu haben.
Ich bin so glücklich und dankbar, dass die Kids mich in der kurzen Zeit, die ich erst hier bin, schon angenommen und lieb gewonnen haben. Mit dem habe ich nicht gerechnet, aber ich bin dadurch in meiner Entscheidung, ein Jahr meines Lebens für Kinder zu geben, bestätigt worden. Es war definitiv die richtige Entscheidung.
Wieder zurück zur Schule. Jeder Morgen beginnt mit einer Versammlung und dem Hissen der äthiopischen Flagge (siehe Foto), das heißt, alle Students müssen sich vor ihren jeweiligen Schulen in Reih und Glied aufstellen, dann wird durchgezählt, die Flagge feierlich gehisst und die Direktoren halten je nach Anlass ermahnende oder aufheiternde Ansprachen. Dann wird jede Klasse von ihrem jeweiligen Lehrer abgeholt und der Unterricht beginnt.
Nicht alle unsere Students sind aus Mekanissa, dem Armenviertel, in dem das Projekt liegt. Da unsere Schulen aufgrund der hohen Unterrichtsqualität einen sehr guten Ruf in ganz Addis Abeba genießen und für alle geöffnet sind, die die Aufnahmeprüfung bestehen, herrscht ein enormer Andrang. Es wird jedoch bewusst darauf geachtet, in den Klassen arme und besser situierte Schüler zusammenzubringen, da sie viel voneinander lernen können und auch sollen. Viele der ärmeren Schüler können sich weder Schuluniform, Bücher noch Schulgeld leisten, diese werden, so weit es finanziell möglich ist, unterstützt.
Einige dieser SchülerInnen haben mir bereits ihr Zuhause gezeigt. Da ich fast täglich in Mekanissa unterwegs bin, um Lebensmittel einzukaufen (Frühstück und Abendessen machen wir selbst), sehe ich sie oft und dann wollen sie einem natürlich gleich zeigen, wo sie wohnen.
Ich weiß nicht, wie ich die Eindrücke von der unvorstellbaren Armut, die hier herrscht, in Worte fassen soll, darum nur in Stichworten: Wellblechhütten, maximal zwei mal vier Meter groß, keine Fenster, eventuell eine Tür, wenn diese überhaupt vorhanden ist. Und auf diesen 8m2 leben nicht selten 10 Personen oder mehr und die Ziegen, Schafe, Hunde, Kühe, Esel und andere Tiere der Familie.
Auf diesen wenigen Quadratmetern wird gekocht, geschlafen, Früchte werden getrocknet, Hausaufgaben werden gemacht. Keine Duschen. Keine Toilette. Kein fließendes Wasser. Und trotzdem: Enorme Freundlichkeit und Gastfreundschaft überall. Stolz werden die Geschwister vorgestellt, das mühsam vom nächsten Brunnen herangeschleppte Wasser wird mir angeboten oder die letzte Banane, die noch übrig ist.
Diese Besuche haben mir viel zu denken gegeben. Diese Menschen haben wenig und sind trotzdem bereit, dieses wenige zu teilen. Wir haben viel. Und wie viel davon teilen wir?
(Weitere Informationen im Rundbrief Nr. 2)
Barbara Schwalsberger, Oktober 2009
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