Brief aus Äthiopien Nr. 1: September 2009

Selam, exabierr jemesken!

Gerade eben noch Maturantin in der HBLW Landwiedstraße und nun das: Ein Jahr Äthiopien. Ziemlich weit weg von der lieben Heimat, freiwillig und ohne Bezahlung. Warum ich mich dazu entschieden habe, ein Jahr meines Lebens in einem der ärmsten Länder der Welt zu verbringen?

Gründe gibt es viele: Einerseits aus Solidarität meinen Nächsten gegenüber und aus der Überzeugung heraus, dass jeder Mensch ein Recht auf ein Leben ohne Leid hat. Andererseits auch der Gedanke, sozial benachteiligten Menschen die Möglichkeit zu geben, den Teufelskreis der Armut zu durchbrechen. Der einzige Weg, dies zu bewerkstelligen, ist meiner Meinung nach Bildung. Verteilt man beispielsweise Essen, um zu helfen, ist zwar den Hunger für einen Tag gestillt, aber am Tag darauf fängt der ganze Prozess wieder von vorne an. Indem man hingegen Bildungsmöglichkeiten schafft, kann eine Person nach abgeschlossener Ausbildung mit dem Einkommen dann eine ganze Familie ernähren, und das dauerhaft. Bildung überwindet Armut  - diesen Leitgedanken möchte ich nun in Äthiopien Wirklichkeit werden lassen. Äthiopien ist das siebtärmste Land der Welt, etwa die Hälfte der Bevölkerung ist unterernährt und die Analphabetenrate beträgt 70 %.

Freiwilliger Einsatz

Für ein Jahr eintauchen in eine völlig fremde Kultur. Neue Menschen, Traditionen und Sitten kennenlernen und durch die Mitarbeit in einem Sozialprojekt etwas dazu beitragen, die Lebensumstände der Menschen vor Ort zu verbessern. All dies beinhaltet ein Volontariat, ein freiwilliger und unentgeltlicher Einsatz für die Dauer von 12 Monaten. Meinen Einsatz mache ich mit der Organisation „Jugend Eine Welt“ (www.jugendeinewelt.at/volontariat), welche bereits seit über zehn Jahren Freiwillige und Zivilersatzdiener in Entwicklungsländer der ganzen Welt entsendet und dort auch betreut. Nach 5-monatiger Vorbereitung in Österreich brechen nun 35 Volontäre/Innen von "Jugend - Eine Welt" nach Mexiko, Ecuador, Peru, Ghana, Sambia, Malawi, Äthiopien, Indien und auf die Phillippinen auf, um dort ihr Bestes zu geben. Eine davon bin ich, Babsi Schwalsberger. Ganz liebe Grüße an alle, die mich vielleicht noch kennen!

Seit 25. August lebe ich nun schon in Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens und arbeite gemeinsam mit Anita, der zweiten Freiwilligen aus Österreich, in einem Projekt der Salesianer Don Boscos (eine Ordensgemeinschaft mit Hauptaugenmerk auf Bildung und Entwicklungshilfe bei Kindern und Jugendlichen) mit.

Der Flug nach Addis Abeba war ein Abenteuer für sich. Erst von Wien nach Istanbul, um dort dann nach sechsstündigem Aufenthalt in den Flieger nach Addis zu steigen. Als wir etwa um 01.00 Uhr Ortszeit (die Zeitverschiebung beträgt +2h) aus dem Flieger steigen und endlich afrikanischen Boden betreten, empfängt uns: strömender Regen. Äthiopien ist anders. Addis Abeba sowieso…

Auf 2500 Metern Seehöhe

Mit 2500 Metern Seehöhe ist sie die am dritthöchst gelegene Hauptstadt der Welt, das Klima ist natürlich auch dementsprechend rau. Von Ende Juni bis Mitte Oktober ist Regenzeit, was hier so viel bedeutet wie: Packt die Gummistiefel aus und verabschiedet euch von den typisch afrikanischen Bildern in euren Köpfen mit Savanne, Giraffen und Sonnenuntergang! (Letztens hat es sogar gehagelt, die Kinder waren davon hellauf begeistert) Dennoch fühle ich mich in der schätzungsweise 6-8 Millionen Einwohner zählenden Metropole am Horn von Afrika mittlerweile schon zu Hause. Das Panorama gleicht dem altvertrautem von Österreich: Berge und Wälder, soweit das Auge reicht, bloß die weißen Gipfel fehlen.

Gemeinsam mit weiteren Freiwilligen aus Amerika, Italien, Spanien und einheimischen Lehrern arbeiten wir hier im Armenviertel Mekanissa daran, Kindern und Jugendlichen zwischen 4 und 18 Jahren Bildung und damit Zukunftschancen zu vermitteln. Im Projekt gibt es vier verschiedene Schultypen, unterteilt in Grades: eine Art Vorschule (Grade 1-2), eine Primary School (Grade 3-7), die High School (Grade 8-12) und eine Technical School, wo verschiedene Handwerksberufe erlernt werden können.

Unterricht in Englisch

Vormittags unterrichte ich „Spoken English“, da die offizielle Amtssprache in Äthiopien nicht Englisch, sondern Amharisch ist. Dadurch ist es vor allem für die arme Bevölkerungsschicht ein großes Problem, Englisch, das für so gut wie jeden Job gebraucht wird, zu erlernen. Meine Amharischkenntnisse halten sich derzeit noch in Grenzen, aber ich lerne jeden Tag dazu. Mittlerweile kann ich bereits die traditionellen Begrüßungen, Standardphrasen wie „Wie heißt du“ und so weiter, Kaffe bestellen und fluchen. Gerade genug, um mich durchzuschlagen also =).

Nachmittags betreuen wir ein Jugendzentrum mit bis zu 700 Kindern. Dort ist es unsere Aufgabe, mit den Kindern zu spielen, ihnen eine Bezugsperson zu sein (alle Kinder, die das Projekt besuchen, sind durch Krieg oder Aids zu Halb- oder Vollwaisen geworden oder wurden von ihren Eltern in der Stadt zurückgelassen) und weiters auch Nachhilfe- und Förderunterricht zu geben.

Begegnungen mit Kindern

Die Kinder sind der Wahnsinn. Keine fünf Minuten nach unserer Ankunft waren Anita und ich bereits von einer Schar Kinder umringt und wurden auf Amharisch vollgebrabbelt. Sie sind extrem liebesbedürftig, hier wird die fehlende Zuwendung sichtbar; diese versuchen sie unermüdlich von uns zu bekommen. Boxkämpfe werden ausgetragen, Tränen vergossen, die verrücktesten Spiele gespielt und die lautesten Pfiffe geübt, um nur einen Moment unserer Aufmerksamkeit zu erhaschen. Dennoch habe ich die Racker bereits sehr lieb gewonnen und weiß jetzt schon, dass mir der Abschied in einem Jahr schwer fallen wird. Die Offenherzigkeit, Freundlichkeit und fröhliche Lächeln, mit dem sie uns entgegenkommen, machen die teilweise sehr anstrengenden Arbeitsstunden mit ihnen binnen Sekunden wieder wett.

Zum Schluss eine kleine Anekdote, die mir ewig in Erinnerung bleiben wird:
Eine Schar jüngerer Kinder kommt lachend zu mir gerannt, stoppt plötzlich genau vor mir. Dann werde ich von oben bis unten gründlich gemustert, es wird getuschelt, diskutiert und schließlich machen sie mir mit Händen und Füßen klar, dass ich mit ihnen mitkommen soll. Also gut denke ich mir, jetzt wird gespielt…aber denkste! Auf die großen Steinstufen vor der Primary School führen sie mich, deuten mir, mich hinzusetzen. Also gut, ein Spiel ohne Laufen, finde ich gut! Die Kids setzen sich neben mich, gespanntes Warten. Niemand sagt ein Wort. Nach fünf Minuten ohne irgendeine Bewegung sehe ich sie fragend an. Sie antworten in gebrochenem Englisch: „Pepsi, you have to be a lot in the sun, because then you will get black. Like we are!”

Das wars soweit von mir aus Ostafrika. Ich werde regelmäßig von mir hören lassen, soweit es mit der extrem schwachen Internetverbindung eben möglich ist. Ab November wird es besser, dann antworte ich gerne auf Mails. Ich freue mich über jede Nachricht aus good old Austria, einfach schreiben - babsinchen@yahoo.de!

Barbara Schwalsberger, September 2009

 Brief aus Äthiopien 2: Oktober 2009

 

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